Flugblatt zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz

Wir dokumentieren hier unser Flugblatt zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.

Nie wieder Auschwitz!

Auschwitz stellt das traurige Symbol für die industrielle Vernichtung von Menschen, gerade der europäischen Jüdinnen und Juden, durch die Deutschen während des Nationalsozialismus dar. Vernichtet wurden all jene, die keinen Platz in der deutschen Volksgemeinschaft hatten, sei es, da sie als rassisch unwertiges Leben galten, aufgrund ihres körperlichen Zustandes oder ihres Lebenswandels nicht in die Ideologie des Nationalsozialismus passten oder weil sie in Opposition zu ihm standen.
Der Antisemitismus in Deutschland begann nicht mit Hitler. Schon im deutschen Kaiserreich tummelten sich etliche antisemitische Vereine, z.B. die Antisemitenpartei. Der Beginn des völkischen Antisemitismus ist spätestens bei Luther und seinem
antisemitischen Schmähwerk „Von den Jüden und deren Lügen“ in Deutschland zu verorten.
Die Besonderheit, gerade des organisierten Völkermordes an den europäischen Juden, allerdings erhält die Shoah durch einige historisch einzigartige Faktoren. Erstens ist hier die Dimension des Massenmordes zu nennen, zweitens die Art und Weise und drittens jene ideologische Priorität, die der Vernichtung der Jüdinnen und Juden eingeräumt wurde.
Zwischen dem Beschluss der Deutschen eine „Endlösung der Judenfrage“ herbeizuführen, was nichts anderes als deren physische Vernichtung bedeutete und der Niederlage Deutschlands, wurden etwa 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Opfer der Vernichtung wurden aber nicht nur Menschen, die das Judentum aktiv als Religion ausübten, sondern auch diejenigen, die ihren jüdischen Glauben abgelegt hatten. Für die MörderInnen bedeutete das Judentum eine rassische Kategorie. Die Juden stellten für sie eine Bedrohung von Volk und Vaterland dar. Der Jude repräsentiert für sie die Moderne, das Abstrakte, modernen Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen. Man warf ihnen vor, dass Volk von Innen zu zersetzen. Eine Lösung im Sinne der Antisemiten konnte also für sie folglich nur in der Beseitigung dieser „Bedrohung“ bestehen. Der Name der Lösung lautete unter anderem Auschwitz.
Die Vernichtungslager stellten industrielle Komplexe dar, die nur für die möglichst schnelle, massenhafte und effiziente Vernichtung von menschlichem Leben gedacht waren. Diese Todesfabriken machen die deutsche Vernichtungspolitik an Jüdinnen und Juden deutlich, sind aber nur die Spitze des Eisberges. Bevor massenhaft Menschen in die Vernichtungslager deportiert wurden, wurden sie mit gewaltigem Aufwand zusammengetrieben und gejagt. Kein einziger Jude sollte dem eliminatorischen Tatendrang der Deutschen entgehen.
Dem folgten brutale Ghettotoräumungen, blutige Erschießungseinsätze durch Wehrmacht, Polizei und SS und schließlich die Deportation in die Konzentrationslager. Ob Jüdinnen und Juden in sogenannte Arbeitslager oder in Vernichtungslager deportiert wurden, änderte nichts an deren Schicksal.
Zentral am Lagersystem war nicht die möglichst effiziente Ausbeutung der Menschen, die in diesem Lagern lebten, sondern ausschließlich deren Vernichtung. Alle anderen Ziele der nationalsozialistischen Führung wurden diesem Ziel untergeordnet. So wurden gewaltige wirtschaftliche und militärische Ressourcen zur Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden aufgewendet, auch wenn diese Ressourcen objektiv gesehen notwendig gewesen wären, um die eigene Niederlage in dem vom Zaun gebrochenen Weltkrieg zu verhindern. Europa „judenfrei‘“ zu machen kann also als zentrales Ziel des deutschen Nationalsozialismus gesehen werden, dem alle anderen Ziele untergeordnet wurden.
Diese industrielle Vernichtung von Menschen war dabei aber kein Projekt, dass einzig von einer kleinen Gruppe geplant und umgesetzt worden ist. Es handelte sich hierbei viel mehr um ein gesamtdeutsches Projekt, an dem weite Teile der Bevölkerung beteiligt waren, und dass auf keinen nennenswerten Widerstand stieß. So waren an den antisemitischen Massenmorden eben nicht nur die stark ideologisierte SS-Division beteiligt, sondern auch ganz normale Polizeidivisionen und Reservebataillione, die einen relativ repräsentativen Querschnitt der damaligen deutschen Gesellschaft darstellten. Die Mitglieder dieser Einheiten wurden hauptsächlich zur Deportation von Jüdinnen und Juden im besetzten Polen, sowie für Massenerschießungen eingesetzt. Obwohl sie die Möglichkeit besaßen, die Einsätze zu verweigern, ohne persönliche Konsequenzen zu fürchten nahm so gut wie niemand diese Möglichkeit wahr. Für die Massenerschießungen wurden sogar extra Freiwillige gesucht, aber auch hier gab es immer zu viele Freiwillige und nie zu wenige. Daneben wirkten auch andere „ganz normale Deutsche“ an der Vernichtung mit, so etwa einfache Beamte, Wissenschaftler oder Bürokraten. Sie organisierten die Vernichtung oder unterstützten sie technisch. Für all jene, die sich der deutschen Volksgemeinschaft zugehörig fühlten, bildete die Vernichtung den notwendigen Schritt zu Verwirklichung dieser wahren deutschen Volksgemeinschaft. Sie bildete dabei ein ideologisch homogenes TäterInnenkollektiv, deren wichtigste Ideologie der völkische Antisemitismus war. Deutsche, die „von nichts gewusst“ haben, gab es nicht.
Mit dem 8. Mai 1945 kam der scheinbar radikale Bruch in der deutschen Geschichte. Zwar geteilt, dafür geläutert erstieg das nun demokratische Deutschland aus den Trümmern des Krieges. Nun wurde brav den Opfern gedacht, die dem eigenen Antisemitismus zum Opfer vielen. Aber eine Auseinandersetzung mit den TäterInnen fand so gut wie gar nicht statt. Nach einigen Prozessen in Nürnberg gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde die Aufarbeitung der eigenen Schuld abgeschlossen. Es lebte sich ganz gut als ehemaliger Täter im post-nationalsozialistischen Deutschland, gerade wenn man im westlichen Teil lebte. Hier hatte man als ehemaliger Kommandeur der Legion Kondor, einer Luftwaffeneinheit, die unter anderem Guernica in Schutt und Asche legte, die Möglichkeit Bundeswehrgeneral zu werden, als ehemaliges NSDAP-Mitglied konnte man sogar Bundeskanzler werden, wie etwa Kurt Georg Kiesinger 1966. Eine konsequente Entnazifizierung fand nicht statt. Stattdessen rief man die Stunde Null aus, von der aus ein Neustart beginnen sollte. Es erscheint fast so, als wäre diese Stunde Null einer fast allumfassenden Generalamnestie gegenüber den Taten der Deutschen während des Nationalsozialismus gleichgekommen. Man baute munter die postnazistische BRD auf und erfreute sich am deutschen Wirtschaftswunder, die historische Kontinuität wurde ausgeblendet. Statt dessen schienen die Toten von Auschwitz auch noch in ihrem Tode zu stören. Man gedachte ab und an den Opfern des Nationalsozialismus, stilisierte aber auch die Deutschen zu den Opfern des Nationalsozialismus. Sie seien diejenigen gewesen, die von den Nazis verführt worden seien und die nun ewig dafür leiden müssten. Dabei wird ausgeblendet, dass es sich bei den deutschen Nazis eben nicht um eine kleine Gruppe gehandelt hatte, die die Macht an sich riss, sondern um eine Massenbewegung, der die Macht in die Hände gelegt wurde. Man bedauert die Zerstörung deutscher Städte, vergisst aber, dass Tausende im Sportpalast vor Zustimmung tobten, als Goebbels fragt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Und man trauert den „verlorenen Ostgebieten“ hinterher und beklagt die damit einhergehende Vertreibung, vergisst aber, dass genau diese Deutschen, die dort lebten, mitverantwortlich für die grausame Unterdrückung und den millionenfachen Mord an Allen waren, die sie nicht als deutsch nach völkischen Maßstäben ansahen. Auch auf institutioneller Ebene wird deutlich, dass in der Bundesrepublik nie eine ordentliche Auseinandersetzung mit den TäterInnen stattfand. Exemplarisch wird das etwa bei dem Umgang mit den deutschen TeilnehmerInnen am spanischen Bürgerkrieg klar. Mitglieder der von Deutschland entsendeten Legion Condor, die dort zur Unterstützung des faschistischen Putsches gegen die Republik waren, erwarben sich durch den Einsatz später in der Bundesrepublik einen Rentenanspruch. AntifaschistInnen aus Deutschland, die dort für  die spanische Republik und gegen Franco – damit indirekt gegen Hitler – kämpften, mussten in der Bundesrepublik mit sozialer Ausgrenzung, schlimmstenfalls mit Berufsverbot rechnen.
Dass auch 70 Jahre nach Ende des deutschen Nationalsozialismus eine ideologische Kontinuität zu finden ist, zeigt ein Blick auf die Gedenkkultur. In der ehemaligen Stadt der Reichsparteitag erinnert an die konkreten Opfer der deutschen Vernichtungspolitik bis 1945 kaum etwas. Ein kleiner Stein der „den Opfern des Faschismus“ gewidmet ist und mitten in einer Hundewiese liegt dient als Erinnerungsort für die Opfer. Beim betreten dieses Ortes ist allerdings nicht klar, ob er zum Gedenken an die Opfer oder zur Verhöhnung dieser gedacht ist. Währenddessen befindet sich am Nürnberger Hallplatz ein pompöses Bauwerk, dass an das Leid der deutschen Heimatvertriebenen erinnern soll. Dieses fünf Meter hohe Mahnmal soll an das Leid der Deutschen bei der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee erinnern. Diejenige Rote Armee, die die Vernichtungslager in Osteuropa befreite und die gemeinsam mit der Anti-Hitler-Koalition, die die Welt vom Joch des deutschen Nationalsozialismus erlöste. Und es soll an diejenigen Erinnern, die gemeinsam mit dem Rest der deutschen Volksgemeinschaft die Schuld am Tode von Million von Menschen tragen. Es soll an diejenigen Erinnern, die in ihrem Bild als Herrenmenschen Auschwitz erfanden und einen unmenschlichen Krieg vom Zaun brachen. Es soll an das Leid der TäterInnen erinnern, die Sturm ernteten, nachdem sie Wind säten.
Wir stehen heute hier, weil wir uns den kategorischen Imperativ, den Theodor Adorno formulierte, zu Herzen nehmen: „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“. Dies bedeute für uns nicht nur den Opfern zu gedenken, sondern auch die TäterInnen klar zu benennen. Die Shoah und die industrielle Massenvernichtung von Menschen in den deutschen Vernichtungslagern war kein historischer Unfall, keine Tat von einer kleinen Gruppe, sondern eine kollektive Tat der deutschen Volksgemeinschaft. Mit einem Mahnmal wie an dem Hallplatz werden die TäterInnen glorifiziert und deren Opfer verhöhnt. Aufgearbeitet ist die deutsche Vergangenheit nur dann, wenn deren Ursachen beseitigt sind. So lange aber immer noch eine Verdrehung von TäterInnen und Opfern stattfindet, kann von einer Aufarbeitung keine Rede sein.
Wir stehen heute hier, weil wir den ersten Schritt machen wollen, auch wenn er nur symbolisch ist. Wir widmen dieses Mahnmal denjenigen, denen es zusteht eben nicht den deutschen TäterInnen, sondern deren Opfern.

In gelayouteter Variante ist das Flugblatt hier zu finden.

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