Tag Archiv für Queer

Gesellschaft. Alltag. Sexismus.

Wir dokumentieren hier einen lesenswerten Text zur aktuellen Sexismusdebatte des Bundesarbeitskreis Queer der Linksjugend ['solid]:

Seit Bekanntwerden des Falls Brüderle meldeten sich zahlreiche Menschen zu Wort um ihre Meinung medial preiszugeben. Dass dabei nicht nur parteipolitische Schutzmechanismen hochgefahren werden, war kaum anderes zu erwarten. So kommt besonders in der Politpresse ein gesellschaftliches Bild zum Vorschein, das den politischen Rahmen längst verlassen hat. Wenn Parteikollegen Brüderle in Schutz nehmen, ist das weder eine politische Posse noch ein Freundschaftsdienst. Politik als Problemlösungsinstrument gesellschaftlichen Zusammenlebens spiegelt immer auch gesellschaftliche Umstände wider und offenbart tief sitzende patriarchale Wurzeln.
Doch etwas Gutes hat die Debatte: Unter dem Hashtag #aufschrei melden sich bei Twitter zahlreiche Betroffene zu Wort, um persönlicher Erfahrungen sexistischer Beleidigungen oder sexueller Belästigungen und Übergriffe mitzuteilen. Die Flut an neuen Meldungen zeigt ebenso deutlich die Dringlichkeit dieses Themas wie der Versuch mittels chauvinistische Kommentare das Ganze abzuwiegeln oder zu verharmlosen oder schlimmer noch, es zu erklären. Dass es mittlerweile unter alltagssexismus.de einen moderierten Raum gibt, um ebenfalls Erfahrungen zu berichten ohne dabei auf allfällige Trolle oder sexistische Vollidioten zu stoßen oder das Beratungsstellen vermehrt Zulauf bekommen, ändert allerdings nichts am Problem selbst.

Hat die Debatte wirklich etwas Gutes? Während manche versuchen, derartige Äußerungen schönzureden oder zu erklären, versuchen andere den Unterschied zwischen Flirt und Belästigung herauszufinden und wieder andere stellen sich die Frage, ob es den ‚Fall Brüderle’ überhaupt gibt. Zwar sind hier durchaus unterschiedliche Standpunkte vertreten, die doch alle eins gemeinsam haben. Sie ändern nichts am Sexismus. Sie bauen darauf auf, sie thematisieren ihn, sie spielen damit. Aber sie ändern nichts.
Sicherlich ist es nicht falsch über Sexismus zu reden, doch ist es grundfalsch über was eigentlich geredet wird. Sexismus ist kein Thema der Nachrichten. Sexismus taucht nicht hier und da einfach mal auf. Sexismus wird auch nicht gemacht. Sexismus ist ein Phänomen, dessen Grundlage eine normative bipolare Geschlechtlichkeit ist. Der Unterschied zwischen Mann und Frau und deren jeweilige Rolle ist gesellschaftlich festgeschrieben. Sexismus war noch nie ein Phänomen, das nur in der Politik, der Wirtschaft oder am Arbeitsplatz zu beobachten ist. Nein, es ist ein Problem, das inmitten der Gesellschaft verankert ist. Sexistische Stereotype werden durch die Gesellschaft transportiert und im Alltag (re)produziert.
„Wir brauchen mal zwei starke Männer.“ „Frauen zahlen keine Eintritt.“ „Lesben sind voll sexy.“ „Zieh dir einen Rock an und flenn’.“ „Warum hat eine schöne Frau wie du keinen Freund?“ „Solange die Bauarbeiter noch hinter mir her pfeifen…“ Alle diese Sprüche können wir täglich hören. Sie sind keinesfalls eine Seltenheit, doch werden sie allzu oft nicht wahrgenommen. Sie werden belächelt, überhört oder ignoriert. Drastisch offener sang es Linda Hesse, die weinen und sich im engen Kleid verführen lassen kann, denn sie ist ja kein Mann. Dass dieses Lied im Rundfunk gespielt wird, indiziert das Problem zur Genüge und zeigt an, wie tief es eigentlich sitzt.

Wenngleich es wichtig ist, über das Thema Sexismus zu reden und es publik zu machen, ist es damit längst nicht getan. Wenn die positive Botschaft der Debatte „Viele Frauen fühlen sich bestätigt, viele Männer verunsichert.“ ist, wurde nichts verstanden. Wertgeladene Rollenbilder und Rollenverhalten bloß aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, ist nichts anderes als der Hydra den Kopf wieder und wieder abzuschlagen ohne ihn auszubrennen. Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität sind Grundprobleme, die in der Debatte verschwiegen werden.
Erst wenn nicht mehr die Rede von männlichen und weiblichen Berufsfeldern ist, erst wenn es keine rosa Überraschungseier „nur für Mädchen“ gibt und erst wenn es keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, die nicht wegerzogen werden können, dann ist etwas verstanden worden.

Text zum 8. März

Bring back the F-Word

Wie kein anderer Tag im Jahr steht der 8. März für den Kampftag der feministischen Bewegung. Eine Bewegung deren Relevanz der letzten Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung stark vernachlässigt wurde und gerade deshalb wichtiger den je ist.

Vor über 100 Jahren initiierte Clara Zetkin den Welftfrauentag, als Kampftag. Zentrale Forderungen waren etwa das Frauenwahlrecht, Mutter- oder Arbeitsschutz, wohlwissend, dass Emanzipation mehr heißt, als Wählen zu dürfen. Echte Emanzipation von Frauen und von allen Menschen ist nur durch die Überwindung des Kapitalismus und in einer sozialistischen Gesellschaft möglich.

Heute 100 Jahre später scheint es der Mehrheitsgesellschaft so, als wäre Emanzipation auch ohne die Überwindung der bestehenden Verhältnisse erfolgreich. Frauen haben die gleichen Zugangschancen zu Bildung, dürfen Wählen und frei einen Beruf auswählen. Genau diese Mehrheitsgesellschaft verschließt aber gleichzeitig die Augen, welchen Druck Frauen ausgesetzt sind: Sie sind meist einer Doppelbelastung ausgesetzt. Zum einen müssen sie ökonomische Arbeit verrichten, und sich dort, wie im Kapitalismus üblich verwerten und ausbeuten lassen, zum anderen bleib an ihnen meistens, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Reproduktionsarbeit hängen. Ein anderes Los ist das der klassischen Hausfrau, das mensch als noch schlechter bezeichnen kann. Statt in einem Lohnarbeitsverhältnis steht frau nun ihn einem gnadenlosen, ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis, welches noch durch die Ehe zementiert wird, zu einem anderen Haushaltsmitglied. Ein Ausweg aus dem Abhängigkeitsverhältnis bedeutet noch heute eine radikalen Bruch mit der materiellen Versorgung und fast immer den sozialen Abstieg.

An Frauen besteht heute immer noch der Anspruch, schön (was auch immer das bedeutet), schlank und sexy (auch hier gibt es eine gesellschaftliche Definitionsmacht) zu sein. Wer von der Norm abweicht zählt nichts.

Wie mensch erkennt, ist ein feministische Bewegung heute genauso relevant wie vor 100 Jahren.

Gender – What the fuck?

Bisher haben wir immer von Frauen geredet. Aber was ist das denn eigentlich, eine Mann oder eine Frau? Jeder von uns wird ab Beginn unseres Lebens in eine Geschlechterrolle (engl. Gender) sozialisiert. Mädchen spielen mit Puppen, Jungen mit Autos. Mädchen tragen rosa Kleidchen, Jungen spielen Fußball. Wenn wir so etwas hören, könnten wir kotzen.

Allerdings ist das gesellschaftliche Praxis. Wer gegen die Norm verstößt, hat mit Sanktionen zu rechnen. Dabei wäre es doch eigentlich viel schöner, wenn jeder so Leben könnte, wie diese Person will. Warum soll ein „Junge“ nicht mal in rosa Kleidchen Fußball spielen.

Nichts ist langweiliger als Einheitsbrei. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass es nur zwei Geschlechter gibt, und es gibt schon gar nicht so etwas wie zwei Geschlechterrollen. Dabei handelt es sich um ein soziales Konstrukt, dass es zu dekonstruieren gibt. Leb/Lieb doch wie du willst.

Let’s start today

Auch wenn eine vollständige Emanzipation des Menschen innerhalb der bestehenden Verhältnisse nicht möglich ist, gibt es doch konkrete Ansatzpunkt, die wir im hier und heute anpacken können. Wie schon angesprochen, gilt es Geschlechterrollen zu demaskieren und zu dekonstruieren. Dabei ist jeder von uns gefragt. Soziale Normen sind veränderbar, und die modernen feministischen, transgender und queer Bewegungen haben den Stein bereits ins rollen gebracht, aber nichtsdestotrotz wartet hier noch eine menge Arbeit auf uns.

Aber nicht nur auf sozialer, sondern auch auf politischer und ökonomischer Ebene gibt es noch viele Forderungen, die es zu verwirklichen gilt. Der § 218 StGB (der sogenannte Abtreibungsparagraf) ist unverzüglich abzuschaffen. Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung über seinen eigenen Körper. Des weiteren sind alle Eheprivilegien abzuschaffen. Per Ehegattensplitting zementiert der Gesetzgeber die patriarchalste Form des Zusammenleben: Die Hausfrauenehe. Wir fordern eine individuelle Existenzsicherung, unabhängig von der Beziehung in der eine Person lebt, um Abhängigkeitsverhältnisse zu überwinden. Zugleich muss es einen weiteren Ausbau von Krippen- und Betreuungsangeboten geben, damit Kind und gleichzeitige ökonomische Unabhängigkeit vereinbar sind. Zuletzt fordern wir eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Innerhalb der 40-Stunden-Woche ist eine emanzipierte Beziehung mit einer gleichmäßigen Aufteilung von Reproduktionsarbeit fast nicht möglich. Dominat ist deshalb immer noch das klassische Familienbild mit dem Mann als „Ernährer“ und der Frau als „Hausfrau und Mutter“.

Es gibt noch Unmenge weiterer Forderungen, z.B. eine weitere Förderung der Elternteilzeit, Nachmittagsbetreuungen, bildungspolitische Maßnahmen, Religionskritik, die alle richtig und wichtig sind, aber wir wollen es bei diesen vier exemplarischen belassen, da es sonst den Rahmen sprengen würde.

Just one solution

Nun ist aber unser Ziel die vollständige Emanzipation des Mensch. Und hierbei möchten wir gerne Clara Zetkin zitieren:

Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an – wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an! Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist – noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Länder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeit in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.